|
|
|
Hamburger Abendblatt Nr. 296,
Seite 3 vom 18.12.96 Im Spiel den Alptraum besiegenDie Küchenuhr schlägt zwölf,
und Maurice ist nicht da. Jede weitere Minute scheint plötzlich doppelt so
lag., der Blick aus dem Fenster hinaus auf die leere Straße wird immer
panischer. Das Herz fängt an zu bummern, die Hände wollen das Mittagesse nicht
mehr zubereiten, sondern nach der Jacke greifen um rauszurennen – nachschauen,
wo Maurice bleibt. Ein Gong ertönt, Getrappel auf der Treppe. „Hallo Mama,
ich bin´s“, ruft der Sechsjährige mit hochroten Wangen in die Wohnung
hinein, vermutlich unwissend, dass sein Zuspätkommen bei Sigrid Lohmann jedes
Mal einen Schweißausbruch hinterlässt. Doch Mutter und Sohn reden
nicht über Maurice Unfall vor mehr als einem halben Jahr, als er auf dem
Schulheimweg auf der Jarrestraße vor ein Auto gelaufen worden war. Ein
Krankenwagen hat ihn nach Hause gefahren. Zum Glück hat er nur Schürfwunden.
Fr die Mutter war das Erlebnis ein Alptraum, die Erinnerung daran kommt oft zurück.
Und für Maurice? Der stämmige Junge schweigt
zunächst, wenn man ihn danach fragt. Sein Blick driftet einfach ab, er schüttelt
langsam den Kopf, unwillig. „Ich bin heute wieder in die Schule gegangen, aber
mich hat heute kein Auto getroffen.“, murmelt er und trollt sich zu den
anderen Kindern in der Sporthalle in Alsterdorf. Seit einigen Wochen bringt
seine Mutter ihn zu den Turnstunden des „Jugendwerks unfallgeschädigter
Kinder“, das zur Sportvereinigung der Hamburger Polizei gehört. „Der
Vorfall ist Maurice peinlich, vielleicht hilft im das Zusammensein mit den
anderen Kindern“, hofft Sigrid Lohmann. Denn unter Aufsicht von geschulten
Polizisten sollen die Kinder spielend ihre Unfälle vergessen. „Es ist normal,
dass die Kinder nicht über ihren Unfall reden. Sie geben eben nicht gerne einen
Fehler zu“, sagt Übungsleiter Dirk Noetzel. Auch das können sie in der
Sportstunde lernen. Die Kinder zwischen sechs und
14 Jahren sollen hier ihre Beweglichkeit trainieren und mehr Selbstvertrauen
bekommen. Dazu gehört auch, dass sie auf das Riesentrampolin steigen – ein
Gerät, dass Maurice sichtlich unheimlich ist. Unsicher stellt de Kleine sich in
die Mitte des wackeligen Turngerätes und wippt ein wenig auf und ab. Wenigstens
sind seine Füße mal ab und zu in der Luft, ein Fortschritt zur vorherigen
Stunde. „Bravo, ganz toll“, lobt Noetzel – ständige Motivation ist hier
sein Job. So wie er betreuen 37 andere
Polizeibeamte in ihrer Freizeit einmal wöchentlich etwa 130 Kinder in sieben
Hamburger Sporthallen; zwei bis vier Jahre bleiben die meisten Kleinen dabei.
Finanziert wird das Jugendwerk aus Spenden und Bußgeldern. Außerdem
organisiert Entertainer Peter Sebastian einmal jährlich mit seinem Förderkreis
zugunsten des Jugendwerks die Benefizveranstaltung „Starpyramide“. Aus dem
Erlös der Show – dieses Jahr waren es 83.432 Mark – fahren 30 – 40
unfallgeschädigte Kinder zwei Wochen unentgeltlich nach Sylt. Für Sigrid Lohmann gibt es
noch einen Grund, warum sie Maurice in die Sporthalle bringt: „Vereine sind
teuer, hier kann er umsonst turnen.“ Zudem bekommt jedes Kind einen lila
Trainingsanzug und Sportschuhe vom Jugendwerk geschenkt. „Das machen wir,
damit keine Neidereien entstehen.“ Sagt Übungsleiterin Manja Löffler, die
ebenfalls in lila Baumwolle gekleidet ist. Sogar die U-Bahnfahrscheine werden
ersetzt. Nur selten werden die Kinder von ihren Eltern zur Turnstunde gebracht.
„Die Eltern sind hier auch gar nicht erwünscht. So können sich die Lütten
freier bewegen.“, sagt sie 29jährige. Manchmal holen die Polizisten
die Kinder auch von zu Hause ab, seit Dezember sogar mit einem eigenen vom
Abendblatt mit 10.000 Mark finanzierten Bus. „Einer unserer Jungen kommt sonst
mit dem Fahrrad. Als es glatt war, traute er sich nicht. Das habe ich verstanden
und habe ihn abgeholt. Die Kinder lernen hier zu entscheiden, ob sie sich etwas
zutrauen oder nicht. Das ist auch beim Straßenüberqueren wichtig“, berichtet
Noetzel und zwinkert einem schwarzhaarigen Jungen zu, der ihm vertrauensvoll die
Hand gegeben hat. „Wenn wir Ausflüge machen,
bewegen sich jedoch manche kaum von unserer Seite weg. Sie haben Angst vor er
Straße.“ Er bedauert, dass einige Eltern es versäumen, ihre Kinder frühzeitig
über Verhaltensregeln im Straßenverkehr zu unterrichten. „So hätten manche
Unfälle vermieden werden können“, sagt der 31jährige. In seinem Alltag
musste er schon oft Eltern die schreckliche Nachricht überbringen. Für ihn
sind Kinderunfälle das Schlimmste. Im vergangenen Jahr verunglückten alleine
in Hamburg 1118 Kinder. Um so mehr ist der
Turnunterricht für ihn und seine Kollegin Manja Löffler ein schöner Ausgleich
zur Polizeiarbeit. „Ich kann damit etwas Positives bewirken. Viele Kinder
entwickeln hier sozialverhalten“, sagt Löffler, sie nickt rüber zu dem
schlaksigen Marcel, der mit dem kreischenden Maurice gerade Fangen spielt. Auch
Marcel wurde von einem Auto angefahren. Seit einem Jahr kommt der elfjährige
zum Jugendwerk. „Marcel war einige Monate immer für sich allein. Er hat mit
niemanden gesprochen, jetzt integriert er sich total.“, erzählt die
Polizistin begeistert. Sie weiß, dass sie viele Defizite der Kinder nicht
beheben kann. „Aber wir können ihnen zumindest ein paar schöne Stunden
schenken.“ |
|
Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an:
webmaster@jugendwerk-hamburg.de
|